Soccer Science: Ab wann ist es sinnvoll zu Scouten? – Selektion in der Jugend

Die Grundidee des Scoutings im Nachwuchsfußball beinhaltet eine Erhöhung der langfristigen Erfolgswahrscheinlichkeit eines Fußballvereins. Dabei sollte jedes Scoutingsystem so aufgebaut sein, dass man junge talentierte Spieler so früh wie möglich an den Verein bindet, um die zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal zu nutzen. Ein frühes Entdecken eines Topspielers garantiert einen langen Förderzeitraum, um diesen optimal und vielseitig auszubilden.
Doch ist diese Grundidee wirklich so in der Praxis umsetzbar? Ist es wirklich sinnvoll junge Spieler im Alter von 8-9 Jahren zu sichten und von ihrem gewohnten Umfeld in ein Förderzentrum, oder sogar Nachwuchsleistungszentrum zu stecken?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der heutige wissenschaftliche Beitrag von TalkTics, der Klarheit über das optimale Scouten in der Jugend geben soll.

Die aktuelle Ausgangslage im Profisport zeigt, dass sich seit der Umstrukturierung des DFB zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit der Einführung der Nachwuchsleistungszentren, die Ausbildung von jungen Spielern stark verändert hat. Im Jahr 2020 ist es im Grunde genommen unmöglich Profi zu werden, wenn man nicht in einem Nachwuchsleistungszentrum bei einem der Bundesligavereine spielt. Dementsprechend werden die Strukturen der Zentren immer besser und die Bedingungen unter denen die Nachwuchsspieler trainieren und auch leben, gleichen denen eines Profis. Viele Zentren haben dabei auch schon fest integrierte U9 und U10 Mannschaften, für die viele verschiedene Scouts regelmäßig in ganz Deutschland sichten und dementsprechend auch schon gewisse Geldbeträge investiert werden.
Für viele erscheint das Argument „frühe Sichtung = längere Förderzeitraum“ absolut schlüssig und wenige hinterfragen dieses System. Doch stimmt das auch in der Realität?
Bleibt ein talentierter Spieler, der in der U9 gesichtet und verpflichtet wird auch bis zur U19 in diesem Verein?
Die Sportwissenschaftler Seifert und Güllich der TU Kaiserslautern haben diese Frage in ihrer Forschung mit dem Titel „Talentförderung, Selektion und De-Selektion im Fußball“ genauer untersucht und folgende Ergebnisse erhalten:

nach Seifert&Güllich „Talentförderung, Selektion und De-Selektion im Fußball“

Ihre Ergebnisse zeigen deutlich, dass der Verbleib von früh gesichteten Spielern sehr gering ist.
Es kann also festgehalten werden:
Je früher ein Spieler in ein NLZ wechselt, desto größer ist die Chance, dass er wieder aussortiert wird. Ein Spieler der früh gefördert wird, wird eher von einem Spieler ersetzt, der sich außerhalb des Fördersystems erfolgreicher entwickelt hat.
Daraus stellt sich die Frage: Entwickeln sich Spieler in Breitensport Vereinen ähnlich wie die Spieler, die in einem NLZ trainieren?

Ebenfalls Seifert&Güllich untersuchten dabei im weiteren Verlauf ihrer Studie, eine U12 NLZ Mannschaft im Vergleich zur Entwicklung der Spieler zweier Bezirksliga Mannschaften. Die Studie wurde dabei als Längsschnittstudie über zwei Jahre durchgeführt und die Spieler wurden mit dem DFB-Talenttest (nach Lottermann 2003) bewertet.
Die Ergebnisse dabei zeigten, dass alle NLZ Spieler überwiegend höhere Leistungen als die Spieler der Bezirksligamannschaften erzielten, das Niveau dieser Spieler also höher war.
Die Leistungssteigerung über die zwei Jahre allerdings, war teils höher, teils geringer und überwiegend nicht signifikant. Das bedeutet, dass die Leistungsentwicklung der Spieler also nicht in einer Schere auseinander geht, wie ursprünglich angenommen, sondern die Spieler der Breitensportmannschaften scheinen sich ebenfalls gut zu entwickeln.

Doch was bedeutet das nun für die richtige Talentförderung?
Grundsätzlich kann man sagen, dass das Training der NLZ-Teams der Bundesligamannschaften wirksam, den anderen Vereinen aber nicht überlegen ist. Vor allem Spitzensportler, die den Sprung zu den Profis schaffen sind aber das Produkt von vielfachen Selektions- und Deselektionsprozessen und eben nicht wie angenommen das einer frühzeitigen und langfristigen Förderung.
Für die Praxis bedeutet dies, dass eine verlässliche und frühe Talenterkennung grundsätzlich nicht möglich ist.
Kritisch zu hinterfragen ist dabei vor allem das Scoutingsystem der NLZ Mannschaften für den Bereich von U9-U14.
Wäre eine Verschiebung des NLZ-Alters nach rechts eventuell sinnvoller?

Die Originalstudie zum Nachlesen:
„Talentförderung, Selektion und De-Selektion im Fußball“
von Matthias Seifert und Arne Güllich
TU Kaiserslautern