Wie verhalten sich Trainer im Spiel und warum?

Ein Großteil seiner Arbeit leistet ein Trainer im Training. Während im Jugendbereich zwei oder drei Trainingseinheiten pro Woche angesetzt sind, findet in der Regel nur ein Spiel statt. Dennoch werden Trainer nach ihren Erfolgen in den Spielen bewertet. Wie wirken sich diese Umstände auf das Verhalten im Spiel aus? Und welche Mechanismen sind dafür verantwortlich? Die beiden englischen Forscher Partington und Cushion haben sich 2012 mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt.

Performance during performance: using Goffman to understand the behaviours of elite youth football coach during games (Partington, Cushion, 2012)

Ziel der Studie

Diese Untersuchung machte sich nicht nur zum Ziel die Verhaltensweisen professioneller Jugendtrainer unter Wettkampfbedingungen zu beobachten, sondern auch zu ermitteln, welche sozialen, kontextuellen und erfahrungsbedingten Faktoren das Verhalten beeinflussen.

Theoretischer Hintergrund

In der Forschung lag der Fokus aus Gründen der einfachen Umsetzung häufig auf Beobachtungen der Trainingsarbeit. Jedoch ist zu erwarten, dass sich das Verhalten unter Wettkampfbedingungen davon unterscheidet. Außerdem erscheint es logisch, dass das Coaching im Spiel stark von den komplexen Bedingungen des Wettkampfs beeinflusst wird. Diese Bedingungen sollen in dieser Studie untersucht werden.

Methode & Design

An der Studie nahmen zwölf englische professionelle Nachwuchstrainer teil. Ihr Alter lag zwischen 18 und 52 (M = 32 Jahre; SD = 11.14 Jahre) bei einer durchschnittlichen Trainererfahrung von acht Jahren. Alle Trainer arbeiteten für ein englisches Leistungszentrum („Centre of Excellence“) im U10 bis U16-Alter. Acht der Trainer hatten bereits die UEFA-B-Lizenz erworben, die übrigen vier Trainer absolvierten die Qualifikationsmaßnahmen zur selben Lizenz. Die Daten wurden zwischen November und März, also über 5 Monate erhoben.

Die Trainer wurden in den regelmäßigen Spielen gegen Mannschaften anderer Leistungszentren systematisch durch das CAIS (Coach Analysis and Intervention System) beobachtet. Die Beobachtungsdaten der insgesamt 28 Spiele wurden anschließend analysiert.

Als Ergänzung der deskriptiven Daten wurden zudem Interviews geführt, um ein tieferes Verständnis für die Beweggründe der Trainer zu erlangen. Jeder Trainer wurde zweimal für 30 bis 60 Minuten zu ihrem Verhalten im Wettkampf interviewed.

Ergebnisse

  • Die häufigste Verhaltensweise waren Instruktionen (33.29%), darunter vor allem Instruktionen während des Spiels (23.78%)
  • Trainer wollen ihre Teilnahme und ihr Engagement am Spiel verdeutlichen
    („It is important that others know that I am doing something, that I am coaching and involved in the game, so I make sure I’m constantly active.“)
  • Trainer ahmen die Verhaltensweisen anderer Trainer nach, um sich gut zu präsentieren
    („It is important to look like a coach to give the right impression, I try to look like other coaches I’ve seen.“)
  • Trainer lassen sich von anderen beeinflussen
    („As a coach a number of people affect what I do… players, other coaches, parents.“)
  • Trainer höherer Altersklassen sowie ehemalige Profis erhalten mehr Respekt
    („Coaches who have played professional football have the respect of others [players, parents, other coaches] from the start.“)

    → Statt sich an pädagogischen Prinzipien und den Bedürfnissen der Spieler zu orientieren, sind die Verhaltensweisen im Wettbewerb mehr „trainer-zentriert“. Trainer greifen dabei auf traditionelle Verhaltensweisen zurück, um sich gut zu präsentieren und den Respekt Außenstehender zu erlangen (andere Trainer, Eltern, etc.).

Talktics-Fazit
Die Erkenntnis, dass sich das Verhalten von Trainern in Wettkampfsituationen so stark von den situativen und kontextuellen Bedingungen beeinflussen lässt, sollte einigen Trainern und Vereinen zu denken geben. Auch im Wettkampf sollten die Spieler und deren Entwicklung im Mittelpunkt der Trainerarbeit stehen, statt des eigenen „Standings“ im Verein. Dazu müssen aber auch die Vereine entsprechende Voraussetzungen schaffen: Entwicklung statt Ergebnisse, Jobsicherheit und allgemeine Wertschätzung.
Außerdem sollte Individualität nicht nur bei Spielern, sondern auch bei Trainern erlaubt sein. Natürlich sollte sich jeder Trainer dem Verein und seiner Philosophie unterordnen, aber nicht jeder Trainer muss das gleiche denken, machen und trainieren.

Partington, M., & Cushion, C. J. (2012). Performance during performance: Using Goffman to understand the behaviours of elite youth football coaches during games. Sports Coaching Review1(2), 93-105.